Zwei Extreme derselben Frage
An Abend 4 ging es um den Durchschnitt: In der Nähe von x liegt zwischen zwei Primzahlen im Mittel ein Abstand von etwa ln(x). Ein Mittelwert sagt aber nichts über die Ausreißer. Heute sehen wir uns die beiden Enden an — die größten Abstände und die kleinsten.
Die Lücken
Der Abstand zwischen zwei benachbarten Primzahlen heißt Primzahllücke:
g = p(nächste) − p
Die ersten Lücken: zwischen 2 und 3 liegt 1, zwischen 3 und 5 liegt 2, zwischen 5 und 7 wieder 2, zwischen 7 und 11 liegt 4.
Interessant sind die Rekordlücken — jede ist größer als alle vor ihr:
| Lücke | zwischen | und |
|---|---|---|
| 1 | 2 | 3 |
| 2 | 3 | 5 |
| 4 | 7 | 11 |
| 6 | 23 | 29 |
| 8 | 89 | 97 |
| 14 | 113 | 127 |
| 18 | 523 | 541 |
| 20 | 887 | 907 |
| 22 | 1 129 | 1 151 |
| 34 | 1 327 | 1 361 |
Zwei Dinge fallen auf.
Erstens: Alle Lücken ab der dritten sind gerade. Das ist schnell erklärt — zwischen zwei ungeraden Zahlen liegt immer ein gerader Abstand, und außer der 2 sind alle Primzahlen ungerade.
Zweitens: Der Sprung von 22 auf 34. Die Rekorde wachsen nicht in kleinen Schritten, sondern in Sprüngen, und wo der nächste kommt, lässt sich nicht vorhersagen. Man kann nur suchen.
Dass es beliebig große Lücken gibt, haben wir an Abend 3 bewiesen. Was niemand weiß: wo genau sie liegen.
Die Zwillinge
Am anderen Ende steht der kleinstmögliche Abstand zwischen zwei ungeraden Primzahlen — nämlich 2. Solche Paare heißen Primzahlzwillinge:
(3, 5) (5, 7) (11, 13) (17, 19) (29, 31)
(41, 43) (59, 61) (71, 73) (101, 103) (107, 109)
Bis 100 gibt es acht solche Paare. Bis 1 000 sind es 35, bis einer Million 8 169. Sie werden seltener — aber wie bei den Primzahlen selbst stellt sich die Frage: Hört es irgendwann auf?
Die Zwillingsvermutung: Es gibt unendlich viele Primzahlzwillinge.
Diese Vermutung ist über 150 Jahre alt und bis heute unbewiesen. Das ist bemerkenswert: Dass es unendlich viele Primzahlen gibt, hat Euklid auf einer halben Seite gezeigt. Dass es unendlich viele Paare mit Abstand 2 gibt, hat niemand zeigen können.
Wie nah man der Antwort gekommen ist
2013 gelang Yitang Zhang ein Durchbruch, über den weit über die Mathematik hinaus berichtet wurde. Er bewies:
Es gibt unendlich viele Primzahlpaare mit einem Abstand von höchstens 70 Millionen.
Das klingt nach wenig — 70 Millionen statt 2. Der entscheidende Punkt ist aber: Es ist eine feste Schranke. Vorher wusste man nicht einmal, ob es irgendeine solche Zahl gibt. Es hätte ja sein können, dass die Abstände unaufhaltsam wachsen.
Danach ging es schnell. Eine weltweite Zusammenarbeit drückte die Schranke innerhalb eines Jahres von 70 Millionen auf 246. Dort steht sie seither.
Von 246 auf 2 ist der verbleibende Weg — und niemand weiß, ob die heutigen Methoden dafür überhaupt ausreichen.
Noch engere Nachbarschaften
Zwillinge sind nicht das Ende. Es gibt auch Vierlinge — vier Primzahlen im Muster p, p+2, p+6, p+8, dem engstmöglichen für vier Primzahlen:
(5, 7, 11, 13)
(11, 13, 17, 19)
(101, 103, 107, 109)
(191, 193, 197, 199)
Enger geht es nicht, und das lässt sich beweisen: Unter fünf aufeinander folgenden ungeraden Zahlen ist immer mindestens eine durch 3 teilbar. Die Muster sind also nicht beliebig — die Teilbarkeit setzt harte Grenzen.
Dieselbe Überlegung erklärt auch, warum (3, 5, 7) das einzige Tripel mit Abstand 2 und 2 ist: Von je drei ungeraden Zahlen im Abstand 2 ist immer eine durch 3 teilbar. Bei (3, 5, 7) ist das die 3 selbst — die darf es, weil sie die 3 ist.
Eine Vorhersage, die stimmt, aber unbewiesen ist
Hardy und Littlewood gaben 1923 eine Formel an, wie viele Zwillinge unterhalb x zu erwarten sind. Sie enthält eine Konstante von etwa 1,320 32, die aus der Teilbarkeit durch alle Primzahlen entsteht.
Die Formel trifft die tatsächlichen Zahlen verblüffend genau — bis in Bereiche, die Computer gerade noch erreichen. Bewiesen ist sie nicht. Sie beruht auf der Annahme, dass sich Primzahlen in gewisser Hinsicht wie Zufall verhalten, und genau diese Annahme ist der ungelöste Kern.
Das ist eine Lage, die in der Mathematik öfter vorkommt, als Außenstehende vermuten: Man weiß die Antwort mit großer Sicherheit, kann sie aber nicht beweisen. Und solange der Beweis fehlt, zählt sie nicht.
Am Rechner
Unter Werkzeuge · Lücken & Zwillinge lassen sich beide Enden ansehen: die Rekordlücken als Tabelle mit Balken, und die Zwillingspaare in einem gewählten Bereich. Achten Sie darauf, wie die Zwillinge auch bei einer Million noch regelmäßig auftauchen.
Übungen
Wo sind die Lücken?
1. Schreiben Sie alle Primzahlzwillinge bis 100 auf. Wie viele sind es?
2. Bestimmen Sie die Lücken zwischen allen benachbarten Primzahlen bis 50. Welche Lücken kommen vor, und welche ist die größte?
3. Warum ist (3, 5, 7) das einzige Tripel von Primzahlen mit jeweils Abstand 2? Begründen Sie mit der Teilbarkeit durch 3.
4. Finden Sie den Primzahlvierling (p, p+2, p+6, p+8) zwischen 100 und 200.
5. Die größte Lücke bis 2 000 beträgt 34. Zwischen welchen beiden Primzahlen liegt sie?
6. Ein Zeitungsartikel schreibt: „Zhang bewies 2013, dass es unendlich viele Primzahlzwillinge gibt." Was stimmt an dem Satz nicht?
Zum Nachdenken. Zwischen 1 327 und 1 361 liegt eine Lücke von 34 — dort ist der mittlere Abstand nach dem Primzahlsatz aber nur ln(1327) ≈ 7,2. Wie passt eine Lücke zusammen, die fast fünfmal so groß ist wie der Durchschnitt?
Lösungen anzeigen— erst selbst rechnen lohnt sich
1. Es sind acht Paare:
(3, 5) (5, 7) (11, 13) (17, 19)
(29, 31) (41, 43) (59, 61) (71, 73)
Die 5 kommt zweimal vor — einmal mit der 3, einmal mit der 7. Das geht nur dort, denn (3, 5, 7) ist das einzige solche Tripel (siehe Aufgabe 3).
2. Die Primzahlen bis 50 mit ihren Abständen:
2 →1→ 3 →2→ 5 →2→ 7 →4→ 11 →2→ 13 →4→ 17 →2→ 19 →4→ 23
→6→ 29 →2→ 31 →6→ 37 →4→ 41 →2→ 43 →4→ 47
Vorkommende Lücken: 1, 2, 4 und 6. Die größte ist 6, und sie kommt zweimal vor: zwischen 23 und 29 sowie zwischen 31 und 37.
Die Lücke 1 gibt es genau einmal im ganzen Zahlenstrahl — zwischen 2 und 3. Danach sind alle Primzahlen ungerade, und ungerade Zahlen haben geraden Abstand.
3. Betrachten Sie drei Zahlen p, p+2, p+4. Teilt man sie durch 3, so lassen sie die Reste r, r+2 und r+4 — und r+4 lässt denselben Rest wie r+1. Die drei Reste sind also r, r+2, r+1, in irgendeiner Reihenfolge alle drei möglichen Reste 0, 1 und 2.
Eine der drei Zahlen lässt folglich immer den Rest 0, ist also durch 3 teilbar. Damit sie trotzdem prim sein kann, muss sie selbst die 3 sein. Das geht nur ganz am Anfang — bei (3, 5, 7).
4. (191, 193, 197, 199)
Prüfung: 191 + 2 = 193 ✓, 191 + 6 = 197 ✓, 191 + 8 = 199 ✓ — alle vier prim. Gleich dahinter beginnt mit 200 ein größerer primzahlfreier Abschnitt.
5. Zwischen 1 327 und 1 361.
Alle 33 Zahlen dazwischen sind zusammengesetzt. Davor war der Rekord 22 (zwischen 1 129 und 1 151) — die Lücke springt also um zwölf auf einmal.
6. Zhang hat nicht die Zwillingsvermutung bewiesen.
Er zeigte, dass es unendlich viele Primzahlpaare mit einem Abstand von höchstens 70 Millionen gibt. Das ist etwas grundsätzlich anderes: Die Zwillingsvermutung verlangt den Abstand genau 2.
Der Wert ist inzwischen auf 246 gedrückt. Bis 2 fehlt weiterhin der entscheidende Schritt — und es ist offen, ob die bekannten Methoden dafür reichen.
Zum Nachdenken. Der Primzahlsatz macht eine Aussage über den Mittelwert, nicht über einzelne Abstände. Ein Mittelwert von 7,2 schließt eine einzelne Lücke von 34 nicht aus — er verlangt nur, dass solche Ausreißer selten genug sind, damit der Durchschnitt stimmt.
Ein Vergleich: Die mittlere Körpergröße eines Erwachsenen liegt bei etwa 1,70 m. Das verbietet niemandem, 2,10 m groß zu sein. Es sagt nur, dass es wenige sind.
Gerade die Ausreißer tragen die Information. An ihnen arbeitet die Forschung, nicht am Durchschnitt — der ist seit 1896 bekannt.